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2007
Bildung in Deutschland - Klassenziel nicht erreicht PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Administrator   
OECD legt Studie "Bildung auf einen Blick" vor
12.09.2006

(bikl) Heute legte die OECD ihren weltweiten Bildungsbericht 2006 vor. In der Studie "Bildung auf einen Blick" wird die Entwicklung der Bildungssysteme der 30 größten Industrienationen analysiert.

Die Ergebnisse der Studie stellen dem deutschen Bildungssystem wenig gute Noten aus. Selbst dort, wo sich die Ergebnisse verbessert haben, kann man kaum von einer wirklich positiven Entwicklung sprechen. So stieg zwar der Anteil von Hoch- und Fachhochschulabsolventen pro Jahrgang zwischen 2000 und 2004 von 19,3 Prozent auf 20,6 Prozent. Die meisten OECD-Länder machten in diesem Zeitraum aber deutlich größere Fortschritte: Denn im OECD-Mittel können mittlerweile 34,8 Prozent eines Jahrgangs einen solchen Abschluss vorweisen. Im Jahr 2000 lag das OECD-Mittel noch bei 27,5 Prozent. Schweiz und Italien: Sprung nach vorn

Besonders große Sprünge machten die Schweiz und Italien. In der Schweiz etwa stieg die Abschlussquote zwischen 2000 und 2004 von 10,4 auf 25,9 Prozent, in Italien von 18,1 auf 36,8 Prozent. Mittlerweile bilden im OECD-Raum nur noch die Tschechische Republik, Österreich und die Türkei weniger Akademiker pro Jahrgang aus als Deutschland.
Hochschulzugang flexibler gestalten

„Wenn man berücksichtigt, dass künftig geburtenschwache Jahrgänge die Schule verlassen, wird Deutschland den steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften so nicht befriedigen können“, sagte Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung Indikatoren und Analysen im Direktorat Bildung der OECD und verantwortlicher Autor des Berichts. Da in Deutschland nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Schüler die Hochschulreife erwerbe, komme es darauf an, den Hochschulzugang flexibler zu gestalten, auch mit dem Ziel die ausgesprochen starke soziale Selektivität des deutschen Schulsystems zu kompensieren. Mit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen seien auch an den Universitäten mittlerweile dafür wichtige strukturelle Voraussetzungen vorhanden.

Auch die guten Quoten, die Deutschland bei den Abiturientenabschlüssen und abgeschlossenen Lehren erzielt, konnten die Verfasser der Studie nicht überzeugen. Immerhin hatten 85 Prozent der 25- bis 34-Jährigen 2004 einen solchen Abschluss und es gibt innerhalb der OECD nur sieben Länder, die besser abschneiden. Diese Abschlüsse gehörten aber mittlerweile international zur Norm. "In einem Hochlohnland wie Deutschland dürfte das Arbeitsplatzangebot auch für dieses Qualifikationsniveau nur in einem begrenzten Umfang steigen", heißt es in der Studie. Publikationen wie die BILD-Zeitung hatten aus diesen Werten geschlossen, dass Deutschland "auf Platz eins" liege.
Umdenken bei der Weiterbildung

Bleiben schließlich noch die 16 Prozent der 25 bis 64-Jährigen, die nicht über die Basisqualifikationen verfügen. Für sie, so Andreas Schleicher, seien die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt noch deutlich schlechter geworden. Der Experte fordert deshalb ein Umdenken bei der Weiterbildung. Bisher konzentriere sich in Deutschland das Weiterbildungsangebot zu sehr auf die ohnehin schon gut Ausgebildeten. „Hier müssen mehr formale Weiterbildungsangebote für gering Qualifizierte geschaffen werden“, so Schleicher.
"Im Rückwärtsgang"

In einer ersten Stellungnahme erklärte Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der GEW, dass es „absolut irreführend“ sei, wenn Konservative den Eindruck erwecken, Deutschland sei in die Weltspitze vorgestoßen. „Das Gegenteil ist der Fall. Selbst bei den beruflichen Abschlüssen befindet sich Deutschland im Rückwärtsgang“, betonte Demmer. So hatten 2003 noch 53 Prozent der Menschen im arbeitsfähigen Alter einen beruflichen Abschluss, 2004 waren es nur noch 51 Prozent. Und: Im Jahr 2003 hätten nur sechs OECD-Länder mehr berufliche und akademische Abschlüsse am Ende der Sekundarstufe II als Deutschland vorzuweisen gehabt, 2004 seien bereits neun Länder so gut wie oder besser als Deutschland.

Demmer sieht die Hauptursachen für die Stagnation darin, dass sich in Fragen Chancengleichheit „nichts, aber auch gar nichts getan“ hat. Nur in Belgien, Ungarn und der Slowakischen Republik gebe es eine noch stärkere Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Schulleistung als in Deutschland. „Das längere gemeinsame Lernen bleibt auf der Tagesordnung. Deutschland muss sich von seinem vielgliedrigen Schulsystem verabschieden“, sagte die GEW-Vize.
Wenig Geld für Schulbildung

Auch bei den Bildungsausgaben liegt Deutschland dem Bericht zufolge nicht vorn. Anders als in vielen anderen OECD-Ländern stagnieren in Deutschland die Ausgaben für diesen Bereich. So lag 2003 der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (öffentliche und private Ausgaben) mit 5,3 Prozent deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,9 Prozent. Im Jahr 2000 lag Deutschland mit einer Ausgabenquote von 5,2 Prozent noch knapp unter dem OECD-Mittel. In den deutschen Grundschulen werden pro Schüler 4624 Dollar ausgegeben, der internationale Durchschnitt liegt bei 5450 Dollar. Damit befindet sich Deutschland nur an 20. Stelle. Zum Vergleich: Zwischen 1995 und 2003 nahmen im OECD-Durchschnitt die Ausgaben pro Schüler in den Grundschulen und Schulen bis zur 10. Klasse um 33 Prozent zu. In Deutschland hingegen stiegen sie nur um acht Prozent. Andere Länder, so die OECD, hätten sinkende Schülerzahlen genutzt, um die Qualität des Bildungsangebots zu verbessern.
Qualitätsoffensive

Genau das forderte auch die Präsidentin der Kultusminister-Konferenz (KMK), Ute Erdsiek-Rave (SPD) für Deutschland. Eine neue „Qualitäts-Offensive“ für die Bildung könne durch das Geld finanziert werden, das Länder und Kommunen in den nächsten Jahren durch den erheblichen Schülerrückgang einsparen. „Das Geld muss in der Bildung bleiben und nicht in die Spardosen der Finanzminister wandern“, so die Ministerin.
Keine Visionen

In einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung erklärte Andreas Schleicher heute, erfolgreiche Staaten wie Finnland und Japan hätten klare Visionen für ihr Bildungssystem. "Solche Vorstellungen, wo es hingehen soll, kann ich in Deutschland nicht erkennen." Hier würden Randthemen hochgebauscht, anstatt über die entscheidende Anreizstruktur zu sprechen. Als Beispiel nannte er das Sitzenbleiben. In Deutschland würde ein Politiker sagen: Es ist unschön, dass so viele Kinder sitzenbleiben, aber als letztes Sanktionsmittel brauchen wir das. "Da kommt sofort die Idee, den Schüler zu sanktionieren anstatt zu überlegen, wie kann ich als Bildungspolitiker Anreize so setzen, dass die Lehrer Probleme lösen - so wie das in Finnland und Japan geschieht."

Der Bericht "Bildung auf einen Blick" wird von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gleichzeitig in mehreren Hauptstädten, unter anderem in Berlin, Paris, Washington und Tokio, vorgestellt.
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