von dpa 07.03.2008
Der amerikanisch-deutsche Computerforscher Joseph Weizenbaum ist tot. Das berichtete der Sender Deutschlandradio Kultur am Donnerstag.
Der 85 Jahre alte Wissenschaftler starb am Mittwoch nach schwerer Krankheit in Berlin, wie seine Familie bestätigte. Weizenbaum war einer der weltweit bekanntesten Kritiker eines bedenkenlosen Computereinsatzes. Er warnte vor einem blinden Fortschrittsglauben und sagte über sich selbst einmal: "Ich bin kein Computerkritiker. Computer können mit Kritik nichts anfangen. Nein, ich bin Gesellschaftskritiker."
Seit den 1970er Jahren trat Weizenbaum zunehmend als Gegner einer
kritiklosen Zukunftsgläubigkeit auf. So nannte er das Internet einen
"Schrotthaufen", der den Menschen zur Selbstüberschätzung verführe. Das
Datennetz enthalte viele überflüssige, bruchstückhafte oder gar falsche
Informationen, warnte Weizenbaum. "Es ist ein Misthaufen. 90 Prozent
sind Schrott, es finden sich aber auch ein paar Perlen und Goldgruben."
Der naive Umgang mit Computern könne zu dem Trugschluss führen, diese
seien imstande, alle Fragen zu beantworten. "Etwas aber in eine
Suchmaschine einzugeben und das Ergebnis auszudrucken, das ist das
Gegenteil von Bildung." Das Internet sei dem Fernsehen sehr ähnlich
geworden. Die Proportionen von sinnvollen, interessanten Sendungen und
der riesigen Menge blanken Unsinns seien in beiden Medien vergleichbar.
Weizenbaum war jedoch zugleich ein in der Öffentlichkeit viel
beachteter Pionier der Computertechnik. Er baute Hardware und schrieb
auch die Programme zu deren Steuerung. Berühmt wurde Weizenbaum
besonders mit einem Programm namens ELIZA, das den Anschein erweckte,
es könne mit dem Menschen kommunizieren. Als Psychologen meinten, einen
Teil von psychologischer Beratung auf diese Weise automatisieren zu
können, wurde Weizenbaum aufmerksam auf die teils überzogenen
Erwartungen an die Künstliche Intelligenz.
Er schrieb dazu mehrere Bücher, darunter bereits 1976 sein Hauptwerk
"Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" sowie später
"Wer erfindet die Computermythen? Der Fortschritt in den großen Irrtum"
und "Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom? Auswege aus
der programmierten Gesellschaft". Zudem hielt er zahlreiche Vorträge
und bekam viele Auszeichnungen. Er warnte vor einer wachsenden
Unübersichtlichkeit immer stärker vernetzter Computersysteme.
Der am 8. Januar 1923 in Berlin geborene Weizenbaum war 1935 mit seiner
jüdischen Familie nach Erlass der Rassengesetze durch die NS- Diktatur
in die USA geflohen. Bereits während seines Mathematikstudiums
beschäftigte sich Weizenbaum mit dem Bau eines digitalen Computers.
Dieses Arbeitsgebiet sollte er dann in verschiedenen Facetten
mitgestalten. Später arbeitete in der Industrie und wurde 1963 ans
berühmte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge
berufen. Von 1970 bis zu seiner Emeritierung 1988 lehrte und forschte
er dort als Professor für Computer Science. Seit 1996 lebte Weizenbaum
wieder in Berlin.
Kritische Worte des Computerpioniers Weizenbaum:
"Das Internet ist ein großer Misthaufen, in dem man allerdings auch
kleine Schätze und Perlen finden kann." (Bei einem Fachkongress in
Hamburg am 2. Mai 2001)
"Wir haben die Illusion, dass wir in einer Informations- Gesellschaft
leben. Wir haben das Internet, wir haben die Suchmaschine Google, wir
haben die Illusion, uns stehe das gesamte Wissen der Menschheit zur
Verfügung." (In einem dpa-Gespräch vom 4. Mai 2005)
"Computer für Kinder - das macht Apfelmus aus Gehirnen." (Im gleichen dpa-Gespräch)
"Die meisten technischen Systeme, mit denen wir die Welt lenken, sind
durch und durch undurchschaubar. Sie sind nicht steuerbar und nicht
verlässlich". (Im Interview einer Extra-Ausgabe der Wochenzeitung "Die
Zeit" vom 17. September 2001, kurz nach den großen Terroranschlägen in
den USA)
"Unsere Sucht nach Technologie hat uns in eine gläubige Abhängigkeit versetzt." (Im gleichen "Zeit"-Interview)
"Der Computer wurde entwickelt, um den Krieg, den Massenmord
effizienter zu machen." (Im Interview der Zeitschrift "Publik-Forum"
vom 19. Mai 2000)
"Weder ein Computer noch das Internet enthalten Wissen. Nur wenn ein
Mensch die Informationen interpretiert, werden sie zu Wissen." (Im
gleichen "Publik-Forum"-Interview)
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