Obdachlosigkeit - nur ein Spiel?
Davon sind zumindest zwei Jungunternehmer der Firma Farbflut Entertainment und Programmierer des Online-Spiels pennergame.de überzeugt, das mit 600.000 registrierten Benutzern und Milliarden Klicks im Monat seine Abnehmer findet. Ziel des Spiels ist es, nach einigen Hürden, etwa Lesen und Schreiben Lernen usw. das Leben als obdachloser Streuner auf der Hamburger Straße hinter sich zu lassen und ein Penner-Monopol zu gründen.
Pennergame ist ein Browserspiel, d.h. man muss keine Software herunterladen, und ist schon deshalb das ideale Bürospiel: keine Probleme wegen der Firewall und fehlenden Administratorrechten. Pennergame folgt in Sachen Qualität ausgetretenen Pfaden, hält gerade die Balance zwischen angenehm anspruchslos und ausreichend komplex. Grafisch ist es schlicht, seine Funktionen basieren auf einfachen Klicks auf Text-Links. Unauffällig fürs Büro: die Toolbar-Variante für den Internet-Browser.
Zynisch könnte man vermuten, dass die interessierten Spieler mit dem Spiel schon einmal einen Blick auf die Auswirkungen der globalen Finanzkrise und der kommenden Wirtschaftsrezession werfen wollen. Zu bezweifeln ist jedoch, dass die Machenschaften der Banker, Vorstände und Finanzjongleure, die maßgeblich dazu beitragen, dass immer mehr Menschen den sozialen Abstieg, der nur zu oft auf der Strasse endet, antreten müssen, in diesem Spiel thematisiert werden. Können sich die begeisterten Spieler vorstellen, dass mit einem Verzeicht eines Grossbanken-Vorstandes auf seine diesjährigen Bonuszahlungen das soziale Problem Obdachlosigkeit gelöst werden könnte.
Dass zwei geschäftstüchtige junge Unternehmer sich auf Kosten einer sozialen Randgruppe ihre Existenz aufbauen, mag zwar einen faden Beigeschmack hinter lassen und eine Hamburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete dazu motivieren, die Einstellung des Internetspiels zu fordern, da die Würde Obdachloser verletzt sei, aber noch bedenklicher ist die soziale Ignoranz, die sich in der Masse breit macht.
Susanne Hassen vom Diakonischen Werk dazu nachdenklich: "Normalerweise könnte man sagen, das Ganze sei ein richtig schlechter Dummer-Jungen-Witz: Lustig machen auf Kosten anderer, geschmacklos, beleidigend. Wirklich Besorgnis erregend ist aus unserer Sicht jedoch der Umstand, dass hunderttausende dieses Spiel spielen." Und: "In unseren Augen ist das ein Indiz für soziale Verrohung und für den Umstand, dass bestimmte soziale Realitäten aus dem Massenbewusstsein systematisch verdrängt werden. Von daher bewegt sich "Pennergame.de" auf einer ähnlichen Ebene wie der brutale Slogan "Eure Armut kotzt mich an", meint Hassen.
Quellen:
Internet-Spiel pennergame.de verletzt die Würde Obdachloser
Von der Gosse in die Villa
Überraschungserfolg Pennergame